Gemeindebriefe

Gemeindebrief Nr. 192

2017 | Ausgabe 192 | Juni - August

27.05.2017 | 2,2 MiB

„Traue niemandem, der keinen Glauben hat!“

lautet ein geflügeltes Wort unter Händlern in seiner Heimatprovinz, hat mir ein Inder einmal erzählt. Christen, Mos-lems und Hindus leben dort ziem-lich friedlich zu-sammen. Ich fragte ihn, was damit gemeint sei. „Wer keinen Glauben hat, der hat keinen Halt für seinen Charakter“ antwortete er sinngemäß. „Er richtet sich nach dem Wind, entscheidet heute so und morgen anders nur zu seinem eigenen Vorteil. Deshalb kann man ihm nicht vertrauen und keinen Handel mit ihm treiben. Es ist für Händler nicht wichtig, welchen Glauben jemand hat. Aber es ist wichtig, dass ein Händler dem anderen vertrauen kann und nicht betrogen wird.“

Den Menschen, die einen Glauben haben, können wir vertrauen. Sie richten sich nicht nach dem Wind. Sie bleiben verlässlich und standhaft, auch wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst.

Einer, an dem wir das sehr gut ablesen können, ist Martin Luther. Ihm ist es zunächst sehr schwer gefallen, Gott zu vertrauen.
Aber christlicher Glaube bedeutet, Gott zu vertrauen.
Luther hatte Angst vor Gott.

Dass er selber nur lebendig ist, weil Gott ihm bereits fürsorglich und hoffnungsvoll sein Leben geschenkt hat, musste er erst erkennen. Gott ist der Grund seines Lebens. Vor ihm braucht keiner Angst zu haben. Jeder Schritt, den Luther geht, jeder Gedanke, jede Minute ist schon ein hoffnungsvolles und liebevolles Geschenk Gottes. Weshalb sollte er dem, der das alles schenkt, nicht vertrauen?

Dieses Vertrauen verankert sich tief im Denken, Fühlen und Entscheiden eines Christen. Es gibt dem Charakter Halt. Mit diesem Vertrauen werde ich zu einem geradlinigen, aufrechten, vertrauenswürdigen Menschen, der hoffnungsvoll lebt.

In Christi Leiden, Sterben und Auferstehen zeigt Gott uns noch einmal sehr deutlich, dass er alles für jeden von uns einsetzt, sogar seinen Sohn.

Diese schenkende Liebe Gottes zu verkaufen, wie es die damalige Kirche im Ablasshandel tat, widersprach dem Glauben.

In seinem Vertrauen auf Gott wagte es Luther deshalb, die falschen Lehren („fake-news“) vom Ablass und Fegefeuer zu bekämpfen. Keine Macht der damaligen Welt, weder Kaiser noch Papst, konnten ihn davon abbringen. Luther hatte den festen Halt gefunden, den unser Glaube uns schenken kann.

Später zog er gemeinsam mit Melanchthon die Konsequenz aus seinen Erfahrungen:
Es gibt keinen Glauben ohne Wissen.
Es entspricht nicht dem Evangelium, falschen Lehren nachzulaufen.
Doch ohne Wissen, worauf unser Glaube baut, sind wir falschen Lehren schnell ausgeliefert.
Deshalb legten Luther und Melanchthon die Grundlagen für die allgemeine Volksschule.
Alle sollten in der Lage sein, von der Wahrheit des Glaubens und von der Hoffnung auf Gottes Liebe in der Bibel zu lesen. Jeder Christ soll selber den Halt finden, um als vertrauenswürdiger Mensch hoffnungsvoll zu leben.
„Ohne Luther müsstest Du nicht zur Schule gehen!“ steht provozierend auf dem „Luther-Nagel“ zwischen unserer Kirche und der Grundschule.

Als Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, hielten Nägel das Papier fest, das den Aufbruch aus Unwissenheit und Abhängigkeit bedeutete. Heute weist uns dieser Nagel darauf hin.

Um ein selbständiger, vertrauens-würdiger und hoffnungsvoller Menschen zu sein, sollte ich wissen, was mir Halt gibt
― und meinem Denken, Hoffen und Entscheiden eine gute Richtung.

Im Sommer gibt es für viele Zeit, sich auch darum zu kümmern.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten und erholsamen Sommer und schöne Ferien
Uwe Büttner, Pastor

Gemeindebrief Nr. 191

2017 | Ausgabe 191 | März - Mai

10.05.2017 | 1,9 MiB

Woran hängst du dein Herz?

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie sich das Bild auf der Titelseite angesehen? Es ist eine alte Ikone. In den orthodoxen Kirchen kommt den Ikonen große Bedeutung zu. Früher haben Ikonen den Menschen, die nicht lesen konnten, eine Botschaft vermittelt, manchmal eine ganze Geschichte erzählt. Aber mehr noch: In ihnen spüren Menschen Gottes Gegenwart, finden einen Abglanz des Göttlichen, bis heute.

Wir sehen auf dem Bild das bekannte Motiv von Christus als Lebensbaum. Am Karfreitag werden wir uns daran erinnern, wie Jesus an totem Holz hingerichtet wurde, am Ostersonntag werden wir uns daran erinnern, wie aus dem Tod neues Leben aufbrach, so wie nach einem Winter aus den tot wirkenden Bäumen neues Grün hervorbricht. Mit einer Kraft, die man nicht greifen oder recht beobachten kann: Plötzlich ist es wieder da, das Leben.

Im Johannesevangelium heißt es: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir bleibt und ich in ihm, wird gute Frucht bringen.

Auf unserem Bild wachsen die 12 Apostel aus dem Weinstock, sie wachsen aus der Kraft, die von Christus ausgeht. Alle 12 Jünger sind da. Der, der Jesus verleugnete, der, der ihn verriet und all die anderen allzu menschlichen Männer, die Jesus in seine Nachfolge gerufen hatte.

Die Nähe, die Gott durch Christus zu uns sucht, kann tatsächlich nur mit einer Liebesbeziehung verglichen werden. Wenn ich jemanden liebe, dann habe ich das Gefühl, durch die Beziehung gestärkt zu werden, zu wachsen und zu reifen. Manchmal sagen wir dann auch: Ich bin ein Teil von dir oder humorvoll: Das ist meine bessere Hälfte!

Christus lädt uns ein, ein Teil von ihm zu werden und aus seiner Liebe, seiner Kraft zu leben, zu wachsen. Anders als in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen profitiert Christus nicht auf gleiche Weise von uns wie wir von ihm. Er ist die Wurzel, die Quelle, das Herz, das Haupt. Wenn wir uns nach guter Kraft sehnen, nach einer, die uns Zufriedenheit schenkt, die uns hilft zu vergeben, die uns hilft, Durststrecken zu überwinden und sogar den Tod, dann will Christus die Antwort sein.

In unserem Leben machen wir uns von vielen Dingen oder auch anderen Menschen abhängig und nicht immer tut das gut. Christus sagt: Von mir könnt ihr euch getrost abhängig machen, im besten Sinne. An mich könnt ihr euch hängen wie Reben am Weinstock hängen. Denn ich gebe dem, der etwas bei mir sucht, ganz und gar umsonst. Ohne Hintergedanken, ohne Bedürfnisse meinerseits.

Diese Botschaft konnten die Menschen früher aus so einer Ikone lesen. Aber nicht nur das, sie konnten diese Botschaft auch fühlen und darin Stärkung finden. Auch dem aufgeklärten Menschen unserer Tage tut es gut, sich auf die menschlichen „Mittler“ einzulassen, die den Weg in die Gottesnähe ebnen wollen. Für den einen ist solch ein „Mittler“ das Abendmahl, für andere Gesang und für wieder andere ein Wort der Bibel oder die Gemeinschaft in der Gemeinde. Aber auch Bilder und Gegenstände können uns im täglichen Gebrauch vermitteln, dass das Angebot der absoluten Gottesnähe für uns ständig offen steht und greifbar ist. Zur Konfirmation werden unsere Konfis ein Armband bekommen damit sie wissen und sogar fühlen: An Gott kann ich mich getrost binden, er nimmt mich wie ich bin.

Ihre Damaris Frehrkinng, Pn.

Gemeindebrief Nr. 190

2016 | Ausgabe 190 | Dez. - Feb.

10.05.2017 | 2,4 MiB

Liebe Leserinnen und Leser!

Allein schon die Sorgfalt, mit der es verpackt war, erzählte von der ganzen Zuwendung, die in diesem kleinen Päckchen steckte. Ungewöhnliche Formen unter dem Papier, aber es war nicht zu ertasten, was es sein könnte. Es war das Geschenk meiner Kinder zu meinem Geburtstag. Vorsichtig öffnete ich es, um nicht versehentlich etwas zu beschädigen. Freude, Neugier und eine unbestimmte Hoffnung. Und dann kam die Überraschung, mit der ich gar nicht gerechnet hatte: Ein kleines Spielzeug, ein kleines Fluggerät für das Zimmer: Faszinierend, nicht ganz so einfach zu steuern -- aber es hob ab, so wie meine Gedanken und meine Freude.

Solch ein Geschenk zu bekommen, ist nicht wie das Einsammeln der Beute, zu der manche Bescherung wird. Der Wert spielt gar keine Rolle. Viel wichtiger ist, dass es meine Freude und meine Hoffnung erreichte, und sogar ein Stückchen mit flog.

Schenken ist ein großes Thema. Schenken ist Pflicht, vor allem zu Weihnachten -- und wird ganz schnell zur lästigen Pflicht. Die Zuwendung verliert sich unter der Pflicht. Und Beschenkte beginnen, Beute zu machen.

So war das sicher nicht gedacht, als das Schenken zu Weihnacht begann. Denn am Anfang steht ein einziges Geschenk. Es wurde sorgfältig verpackt, bevor wir es öffnen durften. Die ganze Härte unserer Welt, die Willkür und Menschenverachtung der Macht, die Not und Hoffnungslosigkeit der heimatlosen Hirten, die Ablehnung alles Fremden, von Angst gejagt einsam und ausgeliefert zu sein ohne jede Hilfe sogar unter der Geburt:

in alles das packt Lukas sorgfältig das Geschenk ein, das genauso sorgfältig ausgepackt werden will. Denn mitten in dieser Finsternis, die unsere Welt gut und treffend beschreibt, scheint das Licht, das plötzlich aufscheint um so heller:

Sieh hin. Es ist für Dich!

Ein ganzes Leben wird geschenkt. Ein Herz, das für dich schlägt. Ein Geist, der nicht aufgibt und für dich hofft. Ein Aufwachsen und Anfreunden, ganz bei Dir.

Jesus wird geboren.

Und wird er nicht bei Dir geboren, dann ist es egal, was damals in Bethlehem geschehen ist. Für Dich ist das Geschenk.

Nimm es an und packe es sorgfältig aus.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Hesekiel 36, 26)

Das ist die Jahreslosung für das Jahr 2017 nach Christi Geburt.

Uwe Büttner, Pastor

Gemeindebrief Nr. 189

2015 | Ausgabe 189 | September - November

10.05.2017 | 2,2 MiB

Liebe Leserinnen und Leser!

Schon als Jugendliche habe ich angefangen über Ostpreußen zu lesen. Viele Menschen der älteren Generation verbinden mit diesem Begriff eine unwiederbringlich verlorene Heimat und ungezählte Schicksale. Ich habe einen Teil der Region im Sommer besucht. Den Elbing-Kanal, die vielen Kirchen und Burgen, die von der wenig zimperlichen Herrschaft des Deutschordens zeugen, das Schlachtwelt von Tannenberg, auf dem die große Epoche der Ordensritter endete. Die schöne Stadt Thorn, Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus, der das mittelalterliche Weltbild der Menschen in Frage stellte. Mohrungen, die Geburtsstadt Herders, der als moderner Theologe zur Aufklärung und Völkerverständigung beigetragen hat und nach dem immer noch ein großer Verlag benannt ist. Zuletzt aber auch das verfallene Schloss der uralten Adelsfamilie von Dohna in Schlobitten.

Viel wurde an diesen Orten im Laufe der Geschichte bewegt. Gerade die wunderbaren Burgen der Ordensritter erinnern bei aller Schönheit auch an eine Zeit, in der im Namen Jesu Christi baltische Stämme mit dem Schwert zur Taufe gezwungen wurden. Kopernikus erinnert daran, dass gerade die Kirche sich mit neuen Sichtweisen und wissenschaftlichen Zugängen nicht immer leicht tat, immerhin wurde Galilei wegen seiner Unterstützung der kopernikanischen Erkenntnisse noch von der Kirche verurteilt. Tja, und das Schloss Schlobitten erinnert dann wieder an die Endlichkeit aller irdischen Pracht; seit jeher haben Menschen in machtpolitischen Auseinandersetzungen Grenzen verschoben, Bevölkerungsgruppen umgeschichtet, Hügel wurden eben gemacht und Flaches wurde erhöht. Bis heute geht es so weiter im Lauf der Geschichte, wer weiß, welche Ruinen Menschen in 1000 Jahren besichtigen, bewundern oder auch betrauern werden.

So sehr sehnen wir uns nach Ruhe, Stabilität und Heimat. Und irgendwie wünschten wir uns wohl auch, dass sich alles um unsere Erde, ja am liebsten auch um uns selbst drehen und die Sonne nur für uns scheinen möge. Wir neigen dazu, das Gewesene in romantisches Licht zu tauchen und vergessen gern, welche Bewegungen zu den jeweils bestehenden Verhältnissen geführt haben.

Johann Gottfried Herder aus Mohrungen, der immer noch an die Möglickeit glaubte, dass der Mensch besser werden könnte, sagte: Der Mensch soll nicht vernünftiger, er soll menschlicher werden.

Alle religiöse Erkenntnis, alle Aufklärung und Wissenschaft, alle Fähigkeit, Türme und Festungen zu bauen, haben den Menschen nicht menschlicher gemacht und Herders Wort bleibt aktuell wie je als oberstes Gebot stehen; christlich oder eben menschlich, im Grunde auch absolut vernünftig. Da wo Menschlichkeit gelebt wird, so meine ich, da ist auch Heimat. Möge es uns immer gelingen, Heimat zu finden und Heimat zu geben denen, die danach suchen.

Damaris Fehrking, Pastorin