Gemeindebriefe

Gemeindebrief Nr. 189

2015 | Ausgabe 189 | September - November

10.05.2017 | 2,2 MiB

Liebe Leserinnen und Leser!

Schon als Jugendliche habe ich angefangen über Ostpreußen zu lesen. Viele Menschen der älteren Generation verbinden mit diesem Begriff eine unwiederbringlich verlorene Heimat und ungezählte Schicksale. Ich habe einen Teil der Region im Sommer besucht. Den Elbing-Kanal, die vielen Kirchen und Burgen, die von der wenig zimperlichen Herrschaft des Deutschordens zeugen, das Schlachtwelt von Tannenberg, auf dem die große Epoche der Ordensritter endete. Die schöne Stadt Thorn, Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus, der das mittelalterliche Weltbild der Menschen in Frage stellte. Mohrungen, die Geburtsstadt Herders, der als moderner Theologe zur Aufklärung und Völkerverständigung beigetragen hat und nach dem immer noch ein großer Verlag benannt ist. Zuletzt aber auch das verfallene Schloss der uralten Adelsfamilie von Dohna in Schlobitten.

Viel wurde an diesen Orten im Laufe der Geschichte bewegt. Gerade die wunderbaren Burgen der Ordensritter erinnern bei aller Schönheit auch an eine Zeit, in der im Namen Jesu Christi baltische Stämme mit dem Schwert zur Taufe gezwungen wurden. Kopernikus erinnert daran, dass gerade die Kirche sich mit neuen Sichtweisen und wissenschaftlichen Zugängen nicht immer leicht tat, immerhin wurde Galilei wegen seiner Unterstützung der kopernikanischen Erkenntnisse noch von der Kirche verurteilt. Tja, und das Schloss Schlobitten erinnert dann wieder an die Endlichkeit aller irdischen Pracht; seit jeher haben Menschen in machtpolitischen Auseinandersetzungen Grenzen verschoben, Bevölkerungsgruppen umgeschichtet, Hügel wurden eben gemacht und Flaches wurde erhöht. Bis heute geht es so weiter im Lauf der Geschichte, wer weiß, welche Ruinen Menschen in 1000 Jahren besichtigen, bewundern oder auch betrauern werden.

So sehr sehnen wir uns nach Ruhe, Stabilität und Heimat. Und irgendwie wünschten wir uns wohl auch, dass sich alles um unsere Erde, ja am liebsten auch um uns selbst drehen und die Sonne nur für uns scheinen möge. Wir neigen dazu, das Gewesene in romantisches Licht zu tauchen und vergessen gern, welche Bewegungen zu den jeweils bestehenden Verhältnissen geführt haben.

Johann Gottfried Herder aus Mohrungen, der immer noch an die Möglickeit glaubte, dass der Mensch besser werden könnte, sagte: Der Mensch soll nicht vernünftiger, er soll menschlicher werden.

Alle religiöse Erkenntnis, alle Aufklärung und Wissenschaft, alle Fähigkeit, Türme und Festungen zu bauen, haben den Menschen nicht menschlicher gemacht und Herders Wort bleibt aktuell wie je als oberstes Gebot stehen; christlich oder eben menschlich, im Grunde auch absolut vernünftig. Da wo Menschlichkeit gelebt wird, so meine ich, da ist auch Heimat. Möge es uns immer gelingen, Heimat zu finden und Heimat zu geben denen, die danach suchen.

Damaris Fehrking, Pastorin

Gemeindebrief Nr. 188

2016 | Ausgabe 188 | Juni - August

10.05.2017 | 1,6 MiB

Vor der Urlaubsreise

„Du, Schatz, ich habe Dir gerade einen Christophorus an den Rückspiegel gehängt.“
„Was hast Du an den Rückspiegel gehängt?“
„Na, einen Christophorus! Du weißt schon .... so eine Plakette mit dem Heiligen, der auf der Reise schützen soll.“
„Komm, lass die Spielerei. Wir müssen packen. Schließlich ist die Zeit knapp, um die Fähre nach Schweden noch zu erreichen. Und lass bitte alles weg, was mir im Blickfeld herumbammelt. Das halte ich nicht aus. Im Handschuhfach ist dafür noch genug Platz.“
„Aber Schatz! Ich finde es total wichtig, gerade wenn wir es eilig haben, auch daran erinnert zu werden, wenn die Plakette während der Fahrt am Spiegel hin und her pendelt.“
„Woran wirst Du denn erinnert?“
„Na zunächst an Christophorus. Der soll doch Menschen auf seinen Schultern durch einen reißenden Strom getragen haben – so wie heute eine Fähre. Und dann hat er das Jesuskind durch den reißenden Strom getragen und mit ihm die ganze Last der ganzen Welt --- oder die ganze Last der Verantwortung für die ganze Welt. Niemals vorher war ihm etwas zu schwer geworden. Aber unter dem kleinen Kind auf den Schultern wäre er beinahe zusammengebrochen. Und Christophorus begann, Jesus zu bewundern, weil der ständig diese unglaubliche Last mit sich tragen muss. Und weil er Jesus mit all der Last sicher durch den Fluss getragen hat, soll er nun Schutz auf allen gefährlichen und schweren Wegen geben. Wenn man also unterwegs ist und sicher ankommen möchte, dann ist es gut, an Christophorus zu erinnern.“
„Aber meine Liebe! Glaubst du etwa, dass der uns auf der Autobahn oder im Stau helfen kann?“
„Nein, Schatz! Natürlich hilft uns nicht Christophorus selber. Aber wenn er so am Spiegel schaukelt, erinnert er mich an vieles und hilft mir, besser und sicherer zu fahren.
Siehst du, auf der Autobahn ist das Fahren für mich langweilig. Ich höre Radio, rede mit dir -- wenn du nicht gerade schläfst -- und passe sicherlich nicht immer gut auf. Aber ich will doch gut ankommen mit dir. Und die anderen Leute in ihren Autos rund um mich herum genauso. Und trotzdem sind auch die müde und abgelenkt, werden von quängelnden Kindern genervt und passen nicht immer auf. Daran erinnert mich der Christophorus, wenn er hin und her schaukelt am Spiegel und mich auffordert, wach zu sein. Verstehst Du? Er will ja nicht nur, dass ich allein einen guten Weg habe.
Er steht für die Hoffung, dass Gott uns allen einen guten Weg schenkt, ob wir nun zusammen in den Urlaub fahren oder ganz woanders hin.
Er steht für die Hoffnung, dass ich sicher und gut auf der Strasse unterwegs bin, dass du sicher unterwegs bist und alle die, die neben uns fahren auf der Autobahn ganz genau so. Denn wenn der neben uns nicht sicher fährt, kann mir ja auch etwas passieren.
Er erinnert mich daran, die Geduld zu bewahren, mal den Fuß von Gas zu nehmen, in unübersichtlichen Situationen auf riskante Überholmanöver zu verzichten, andere nicht zu drängeln, mal Pause zu machen und vieles mehr. Und er steht dafür, dass du auch deinen Abschnitt sicher fährst, wenn ich dann neben dir sitze.“
„Na gut, Schatz, dann hängt er in Gottes Namen eben dort am Spiegel. Und wenn er mir durch sein Hin-und-Herschaukeln ins Auge fällt, dann erinnert er mich daran, dass Du uns beiden einen schönen Urlaub wünscht ohne böse Überraschungen. Und ich werde meinen Teil dazu beizutragen.
Also: Friede! – und lass ihn dort hängen.
So, jetzt noch die Tasche mit dem Proviant, dann geht es los.“
Uwe Büttner, Pastor

Gemeindebrief Nr. 187

2016 | Ausgabe 187 | März - Mai

10.05.2017 | 2,1 MiB

Sie sitzen sich am Tisch gegenüber. Die eine strahlt, die andere blickt gespannt. „Nun erzähl schon, was dich so verändert hat!“ „Eigentlich kann man so was gar nicht weiter erzählen. Du wirst mich auslachen. Aber was soll`s, ich tu`s trotzdem! Du weißt, dass es mir in den vergangenen acht Monaten wirklich nicht gut ging. Du warst viel für mich da. Aber so richtig aus dem Loch ziehen konnte mich eigentlich gar nichts…!“

So beginnt die erste Frau zu erzählen, nun wieder ernster. Nachdenklich rührt sie in ihrer Kaffeetasse. Die Freundin hat sich ihr zugewandt, neugierig.

„Du hast dich neu verliebt!“ ruft sie und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Die andere lacht. „Nein, das ist es nicht. Es ist…. Er war bei mir, mein Mann!“ Die Freundin vergräbt das Gesicht in den Händen. „Oh bitte nicht so was!“

„Keine Sorge, ich spinne nicht. Hör mir einfach zu. Ich habe geträumt. Er war da. Es war, als hätten wir uns verstanden und uns nochmal richtig verabschiedet. Er ist auch wieder gegangen. Aber ich konnte ihn loslassen. Es hat nicht wehgetan. Als ich aufwachte, war das erste, was ich fühlte, mein Herzschlag. Ich fühlte, dass ich lebe. Und ich war glücklich. Du kannst sagen, was du willst, aber seither fühle ich mich einfach gut.“

„Das sieht man dir auch wirklich an,“ entgegnet die Andere. „Du schwelgst nicht mehr in Selbstmitleid. Und du bringst mich auch dazu, dass mein Herz höher schlägt. Was Träume so alles bewirken können…“ Die andere rührt wieder in ihrem Kaffee. Ohne den Kopf zu heben spricht sie weiter. „Weißt du, für mich war es nicht einfach nur ein Traum. Es war eine reale Begegnung. Sie hat alles verändert. Du weißt, ich glaube an Gott. Ich bin überzeugt, dass er mir dieses Erlebnis geschenkt hat.“

Liebe Leserin, lieber Leser, spätestens seit der Aufklärung streiten sich Theologen über die Auferstehung. In welcher Hinsicht ist sie wahr? Haben Menschen Jesus wirklich gesehen oder kann man einem Verstorbenen begegnen?

Für die ersten Christen war der auferstandene Christus keine Vision. Und sie schätzten sich schon gar nicht als psychisch verwirrt ein. Für sie war der Auferstandene eine reale Kraft. Vor allem erlebten sie ihn als Kraft, die Angst in ihrer oft feindlichen Umgebung zu bewältigen. Und als Kraft, die zum Handeln befreien konnte.

Auch Martin Luther macht in seiner Osterpredigt von 1533 deutlich, worum es ihm bei der Auferstehung ging.<>p>

Er sagt: „Nicht die Historie sollen wir ansehen, sondern glauben, dass solches alles uns zugute geschehen ist.“ Der Schatz der Auferstehung besteht für Luther darin, dass Gott den trennenden Graben zwischen sich und den Menschen liebevoll überbrückt. Luther weiß aber auch aus Erfahrung, dass dieser ihm so teure Schatz vielen Menschen gar nichts bedeutet.

Das ist damals wie heute so. Menschen finden auch Wege ohne Gott. Von ihm getrennt zu leben, wird von vielen nicht als Notstand angesehen. Es fällt oft nicht schwer, Schuld zu verdrängen oder zu verharmlosen. Und Mittel gegen den Tod gibt es doch in der Medizin. „Es verachte diesen Schatz, wer da wolle, Christus wird doch Menschen finden, die sich darüber freuen!“, resümiert Luther schließlich in seiner Predigt. Das klingt nicht enttäuscht, finde ich, sondern eher gelassen. Schließlich ist es nach neutestamentlichem Wort Gott selbst, der den Glauben weckt. Wir sollten ihm mehr zutrauen, als das, was wir sehen. Und wenn er so langmütig ist mit allen, die den Schatz des Osterfestes einfach nicht erkennen, dann sollten auch wir geduldig sein.

Das heißt aber nicht, dass wir den Schatz nicht zeigen sollten, wenn wir ihn für uns gefunden haben.

Mit österlichen Grüßen
Ihre Pastorin Damaris Fehrking

Gemeindebrief Nr. 186

2015 - 2016 | Ausgabe 186 | Dezember - Februar

10.05.2017 | 2,7 MiB

Umarmen und Umarmen lassen….

„Free Hugs“ stand auf dem Schild und bei jedem der jungen Menschen auf dem T-Shirt. Sie blickten die vorübergehenden Menschen auf der Georgstraße in Hannover aufmunternd an. Und immer wieder trat jemand an die kleine Gruppe heran, wurde mit offenen Armen empfangen, einen Moment in die Arme genommen und ging dann mit einem glücklichen Lächeln weiter seinen Weg.

Immer wieder einmal, seit der Australier Juan Mann 2004 diese Bewegung ins Leben rief, gibt es spontane „Free Hugs“-Aktionen. Sie wollen für Verständnis und menschliches Miteinander werben. Und diese Aktionen tun das tatsächlich sehr effektiv. Denn nach einer Umarmung fühlt sich jeder Mensch zufriedener und friedlicher. Das lässt sich sogar belegen. Umarmungen reduzieren den Blutdruck, beugen gegen Depressionen vor, stärken das eigene Immunsystem und vieles mehr.

Bei jungen Menschen ist es üblich geworden, sich beispielsweise bei der Begrüßung zu umarmen. Ältere sind da deutlich zurückhaltender. Dabei haben wir nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Wenn wir uns häufiger umarmen und umarmen lassen würden, dann wären wir friedlicher, und es ginge uns besser.

Jede Umarmung ist eine Erinnerung an die absolute Geborgenheit, die wir einmal in den Armen unserer Mutter erlebt haben. Dort haben wir ganz am Anfang unseres Lebens Trost erfahren, konnten uns ausruhen, haben Halt gefunden, den wir brauchten, um die vielen ersten Eindrücke des eigenen Lebens zu verarbeiten. Aus diesen Erfahrungen ganz am Anfang wuchs unser Vertrauen in die Welt und in das Leben.

Als Gott zur Welt kam, wie wir es im Advent erwarten und zu Weihnachten feiern, als Jesus geboren wurde, da hat er sich auch erst einmal in die beschützenden und bergenden Arme seiner Mutter, der Maria begeben. Um uns nahe zu sein, lieferte Gott sich uns aus und wurde Mensch, sagt uns unser Glaube. Und Jesus lernte das Menschsein und wurde dabei sicherlich ganz oft und liebevoll von seiner Mutter Maria in den Arm genommen. Denn als er später vom liebevollen Gott-Vater sprach, die Menschen zu Wahrheit aufrief, zu Mitgefühlt und gegenseitiger Hilfe, da hat er in Worten und Taten sein Vertrauen weitergegeben, das so unendlich ist, dass es ihn zuletzt sogar über sein Sterben am Kreuz hinaus trug.

Jesus hat mit seinem Leben gezeigt, was schon beim Propheten Jesaja (66,13) zu lesen ist:
„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Als Jesus geboren wurde, hatte Gott unsere Welt ganz besonders liebevoll in den Arm genommen. Und dass er bis heute jeden von uns – also auch mich – so liebevoll in den Arm nimmt, ist mir bei meiner Taufe deutlich gesagt worden.

Doch es gibt zu viele Menschen unter uns, die das nicht (mehr) erfahren, Junge und Alte, Einsame und Kranke, Ausgegrenzte und Behinderte, Fremde und Einheimische.

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“(Jes. 66,13) steht als Jahreslosung wie eine Überschrift über dem ganzen Jahr 2016.

Als Christen wissen wir, wie gut es uns tut, dass Gott uns liebevoll umarmt und tröstet. Und weil diese Umarmung Gottes allen gilt, dürfen wir als Christen auch keine Grenzen ziehen, sondern können die Umarmung Gottes dort weitergeben, wo Menschen es gebrauchen könnten, einmal umarmt zu werden – zumindest aber eine Hand gereicht zu bekommen.

Wir wissen ja seit dem Anfang unseres Lebens, wie wichtig es ist, Trost zu erfahren, Ruhe zu finden, Halt zu finden, den wir brauchten, um die vielen schlimmen Eindrücke des eigenen Lebens zu verarbeiten.

Aus unseren Erfahrungen ganz am Anfang wuchs unser Vertrauen in die Welt, in das Leben und in Gott.

Geben wir Gottes Umarmung weiter, dann werden mehr Menschen zufriedener und friedlicher. Sie fühlen sich nicht mehr so sehr unter Druck, blicken heller und hoffnungsvoller in den Tag.

Damit helfen wir nicht nur anderen. Damit wird unser ganzes Leben auch für uns selber freundlicher, besser und lebendiger.

Ein frohes Weihnachtsfest und ein gesegnetes Jahr 2016 wünscht Ihnen Ihr

Uwe Büttner, Pastor