Gemeindebriefe

Gemeindebrief Nr. 185

2015 | Ausgabe 185 | September - November

10.05.2017 | 2,3 MiB

Herzlich Willkommen

Unser Gemeindebrief fällt in den Sommer. Viele gehen auf Reisen. Im Reisemonat August muss ich an einen Reisenden denken, ohne den wir wohl nicht wären, was wir sind.
Es gibt jemanden, der seine Reisen unternahm, um Menschen von der Befreiung durch Jesus Christus zu erzählen. Es war Paulus. Viele seiner Briefe an junge christliche Gemeinden finden wir im Neuen Testament. Wenn wir historische Orte wie Athen, Korinth oder Ephesus bereisen, dann kann man sich vorstellen, wie Paulus auf den Marktplätzen stand und predigte. Paulus fühlte sich berufen, die Völker zum Gott Israels zu bekehren. Er ist bis heute bekannt als Missionar der Heiden.
Ab dem Jahr 33 gründete er etwa 20 Jahre lang in Kleinasien Gemeinden, besonders in den großen Städten.
Paulus war ein Städter, ein Kosmopolit, der sich mühelos in der griechisch römischen Welt bewegte. Trotzdem stieß seine Rede nicht immer auf offene Ohren. Der Ausschließlichkeitsanspruch der neuen Religion war in der römisch griechischen Welt schon damals für viele hart zu schlucken, denn damals fand man viele Kulte schick und mixte sich gern von jedem das Beste zusammen. Viele Menschen halten es mit der Religion auch heute noch so. Ein bisschen 10 Gebote von den Juden, ein bisschen Nächstenliebe von den Christen, ein bisschen Wiedergeburt von den Hindus, ein bisschen was aus der Esoterik.
Paulus hatte zwar keine romantische Sicht auf andere Kulturen aber er fand es auch nicht unbedingt schlimm, verschiedene religiöse Gebräuche zu mischen, sofern eins klar war: Es gibt nur einen Gott und Jesus ist Gottes Sohn, der die Welt erlöst hat. Wer ihm vertraut, ist auf der richtigen Spur, ganz gleich, wie die Kleidungs- oder Essgewohnheiten sind. „Wir sind alle eins in Christus“, schreibt er an die Galater.
Paulus hatte Seiten, die wir heute liberal nennen würden: Die Ordnung der christlichen Gemeinde war eine Revolution im Vergleich der antiken Gesellschaftsordnungen. Juden und Griechen an einem Tisch, Frauen und Männer, Sklaven und Freie. Eine Aushebelung aller damaligen sozialen Regeln. Allerdings war für ihn klar, dass diese Gleichheit zunächst nur in der geistlichen Gemeinschaft gelten sollte - Paulus war kein Politiker!
Ich wäre gern einmal dabei gewesen in diesen frühchristlichen Gemeinden. Sicher war es schwer genug, diese grenzüberschreitende Gemeinschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Die Briefe des Paulus zeugen von vielen Konflikten.
Aber ich bewundere Paulus um seine Konsequenz, mit der er damals versuchte, diese ganz anderen Gemeinschaften aufzubauen.
Ein mehr als nur ökumenisches Ziel. Eine Herausforderung für uns bis heute. Schon für das Handeln innerhalb der eigenen Kirche.
Mission hat im Laufe der Geschichte einen negativen Beigeschmack bekommen, aus gutem Grund. Mission wurde in der Geschichte der Kirche oft genug machtpolitisch missbraucht. Welche faulen Früchte dies Missverständnis von Mission hervorbringen kann, sehen wir jeden Tag in den Nachrichten. Und die Nachrichten können gewiss dieser Tage auch Reisefreude dämpfen. Wie schön wäre es, wenn die Menschen lernen würden, nach dem Grundsatz des Paulus zu leben:
„Sucht nach dem was verbindet und nicht nach dem was trennt. Sucht, was der Gemeinschaft dient. Jeder diene dem andern mit der Gabe, die er empfangen hat.“ sagt Paulus. In unserer Gemeinde klappt das oft ganz gut, zum Beispiel beim letzten Gemeindefest, das viele musikalische, aber auch andere Gaben ans Licht gebracht hat.
Wenn wir unsere Reisen in die Fremde, unsere Besuche in anderen religiösen Gemeinschaften genauso wie unseren Alltag in der eigenen Gemeinde von diesem Leitsatz des Paulus bestimmen lassen, dann kann unser Zeugnis vor der Welt nichts Schlechtes sein. Eine reine Privatsache muss unser Glaube nämlich auch nicht sein. Wir sollen und dürfen von dem erzählen, was uns treibt, vor allem aber sollen wir aber danach handeln.
Übrigens:
Weil Paulus überzeugt war, dass Gott die Geschichte lenkt, stellte er ihm anheim, was aus den nicht bekehrten Menschen wird. Wir sollten mindestens genauso gelassen sein angesichts der Menschen, die ohne den christlichen Glauben leben möchten!
Seien Sie behütet auf Ihren Reisen!
Ihre Damaris Fehrking, Pastorin

Gemeindebrief Nr. 184

2015 | Ausgabe 184 | Juni - August

10.05.2017 | 3,3 MiB

Klüger, weiser, leichter, reicher,

unter diesem Motto steht der diesjährige Kirchentag in Stuttgart. Auf kluge weise reich zu sein, darum müht sich die Menschheit bis heute vergeblich. Jeder ahnt, dass der zunehmende Reichtum von wenigen nicht klug ist. 2012 betrug das Nettovermögen privater Haushalte in Deutschland 6 Billionen Euro. Rund 60% dieses Vermögens gehörte aber nur 10% der reichsten Bundesbürger. Fast 30% der Bundesbürger haben kein Vermögen oder sind verschuldet. Die Wirtschafts- und Steuerpolitik fördert diese Entwicklung weltweit. Das Wirtschaftswachstum wird von führenden Politikern immer wieder als Stern der Erlösung besungen, aber wer profitiert vom sogenannten Wachstum? „Diese Wirtschaft tötet!“ konstatierte Papst Franziskus in einer provokativen Stellungnahme.

Die Boote im Mittelmeer sind Früchte globaler Wirtschaftspolitik, die Ungleichheit und somit Unfrieden verursacht. Wahrscheinlich sind auch Aufmärsche verunsicherter Bürger eine Konsequenz, zunehmende Radikalisierung, diffuse Feindbilder, Ausländerfeindlichkeit. Weisheit ist vonnöten, damit wir wirklich reich werden können, reich an Lebensfülle, an einer Lebensqualität, die allen zugute kommt.

Aber die Weisheit stellt unbequeme Fragen, die selbst grüne oder sogenannte Sozialpolitiker nicht mehr zu stellen wagen. Sie stellt die Frage nach deinem und meinem Energie- und Wasserverbrauch. Die Weisheit stellt die Frage nach deinem und meinem Kaufverhalten. Nach deiner und meiner Bereitschaft zu teilen. Bisher versuchen alle politischen Bemühungen mit Symptomen umzugehen, aber an der Wurzel aller Probleme wird kaum gerüttelt. Der entfesselte Markt, dem auch unser Land huldigt, wird weiter als Segen gepriesen, obwohl sich soziale Kontrollmechanismen zunehmend auflösen und in unzufriedenen, auch überforderten Menschen wieder auf uns zurückfallen.

Wie gut, dass viele Kommunen und einzelne Bürger aufmerksam sind, nicht nur mahnen sondern helfen, Zeit verschenken, wie gut, dass Studenten in Hannover Flüchtlinge in ihre Wohngemeinschaften aufnehmen und Spender die Miete bezahlen. Gut ist, dass Christenmenschen in unserem Umkreis mit Herz und Hand, ja, auch mit eigenem Geld für andere einstehen. All das zeigt, dass uns der Mitmensch, der Bruder, noch nicht ganz egal geworden ist. Menschen müssen Zeichen setzen für eine klügere Welt, müssen auch weiterhin alternative politische Konzepte fordern: Konzepte, die auf Solidarität und Verantwortung setzen. Das heißt dann aber auch, dass ich vielleicht Gewohnheiten aufgeben, auf Bequemlichkeiten verzichten muss. Hinter meiner Kreuzfahrt, meinem Billig-T-Shirt, meinem Spargel, hinter allem stecken Zusammenhänge, über die es sich lohnen könnte nachzudenken, Zusammenhänge, die mit Menschen zu tun haben.

Klüger, weiter, leichter, reicher wollten die Menschen immer schon werden. Immer schon wollten sie höher hinaus, dafür steht bereits der uralte Mythos vom Turmbau zu Babel. Diese Geschichte steht aber auch dafür, dass die Menschen sein wollen wie Gott, ihre Macht soll bis in die Wolken reichen. Die Geschichte endet damit, dass das Mammut-Projekt am Ende liegengelassen wird wie derzeit der Geisterflughafen in Berlin. Die Natur erobert sich das Areal unbarmherzig zurück und die Menschen zerstreuen sich in verschiedene Interessengruppen, die sich nicht verstehen. Der Turmbau von Babel steht für die Unfähigkeit des Menschen, seine Grenzen zu erkennen und darin klug zu leben. Überall wo wir unsere Grenzen, die Grenzen auch der Natur überschreiten, wird etwas über uns einstürzen, wird sich Entzweiung fortsetzen. Wird sich das rücksichtslose Spekulantentum fortsetzen, das Ausbeuten von Arbeitskraft, der Versuch von Menschen, alldem zu entfliehen. Ein Kreislauf, an dem der Teufel seinen Gefallen hat.

Herr lehre uns klüger zu werden, weiser, leichter und reicher – miteinander. Wir brauchen deine Kraft.

Ihre Damaris Frehrking, Pastorin

Gemeindebrief Nr. 183

2015 | Ausgabe 183 | März - Mai

10.05.2017 | 1,9 MiB

…damit wir klug werden!

„Aus Schaden wird man klug“ sagt uns ein Sprichwort, und macht uns ganz nebenbei darauf aufmerksam, dass nicht der „klug“ ist, der sich viel Wissen angeeignet und viele Titel gesammelt hat.
„Klug“ überlegt der, und „klug“ handelt der, der seine Lebenserfahrung und sein Wissen zusammen nimmt, um nachzudenken und zu entscheiden.

„… damit wir klug werden!“ ist ein halber Satz aus dem 12. Vers des 90. Psalms

Vollständig heißt dieser Satz wörtlich übersetzt: „Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir ein weises Herz erlangen.“

Gott wird gebeten, uns zu helfen, die Realität unseres Lebens in seinen Grenzen wahrzunehmen. Wird jeder Tag gezählt, dann wird auch jeder Tag zu einem wertvollen Geschenk. Denn wir haben ja nicht unendlich viele davon zur Verfügung. Schlimm wäre es nach den Worten des 90. Psalms, wenn wir unsere Tage zubrächten, „…wie ein Geschwätz“! Gott wird darum gebeten, uns zu helfen, „klug“, mit „weisem Herzen“ den Tag zu leben. Vertrauen wir Gott, macht uns die Begrenztheit unserer Tage keine Angst. Jeder einzelne Tag ist ja ein Geschenk von ihm, um „klug“ damit umzugehen.

„…damit wir klug werden!“ ist das Motto des Kirchentages, der in diesem Jahr vom 3. bis 7. Juni in Stuttgart stattfindet. Kirchentag ist ein großes Fest des Glaubens, auf dem jeder Christ viel Hoffnung und Lebendigkeit für seinen Glauben und für seine Gemeinde tanken kann. Kirchentag ist auch die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen und Problemen im Lichte unseres christlichen Glaubens.

Dass es in unserer Welt viele Fragen und sehr bedrohliche Probleme gibt, wird in der Passion Christi zum Thema unseres Glaubens. Dass Gott uns aber nicht aufgibt, egal, wie schlimm es kommt, davon erzählt uns die Auferstehung zu Ostern. Das Vertrauen auf Gott hilft uns, mit unseren eigenen Fragen und Problemen „klug“ umzugehen.

„Klug“ ist es, die Flüchtlinge, die Sehnde zugewiesen werden, nicht in Sammelunterkünften unter zu bringen. Werden aber unter uns auch genügend Wohnungen zu finden sein, um diesen klugen Gedanken umzusetzen?

„Klug“ ist es auch, sich dagegen zu wehren, dass ökonomisches Denken und Handeln die Sorge in öffentlichen und privaten Entscheidungen zunehmend verdrängt. Wer beispielsweise in der Pflege im Sekundentakt arbeiten und abrechnen muss, ist gezwungen, auf Mitmenschliches zu verzichten. Solche Entwicklungen sind nicht klug. Und wir werden die Folgen zu spüren bekommen.

Es ist auch für Unzufriedene nicht klug, einfach vieles abzulehnen und sich abzuwenden.

Nur miteinander können wir den Ort, die Gemeinschaft und auch unsere Gemeinde auf einen klugen Weg bringen und in unseren Grenzen, mit Hoffnung und Vertrauen, mit Wissen und Erfahrung die Gegenwart „klug“ gestalten.
Wir können es -- mit Gottes Hilfe -- versuchen, „…damit wir klug werden!“

Uwe Büttner, Pastor

Gemeindebrief Nr 182 Dezember 2014 bis Februar 2015

2014 -2015 | Ausgabe 182 | Dezember - Februar

10.05.2017 | 2,0 MiB

Niemand kann sich rühmen vor Gott. Wir werden gerecht aus Gnade durch die Erlösung, die in Jesus Christus geschehen ist.

Im 3. Kapitel des Römerbriefes lesen wir Worte des Apostels Paulus, die es in sich haben. Sie antworten auf die Frage, wie ein Mensch zu Gott ins rechte Verhältnis kommen kann. Es hat zu allen Zeiten die verschiedensten Versuche gegeben, zu Gott in Beziehung zu treten. Man hat Gott Opfer gebracht, um ihn milde zu stimmen und das eigene Schicksal zu beeinflussen. Man hat seinen Namen auf Kriegsfahnen geschrieben. Man hat in seinem Namen Gebote aufgestellt, die das gesamte politische und gesellschaftliche Leben regeln sollten. Manche Gebote waren gut, andere nicht. Religion ist für machtpolitischen Missbrauch immer schon überaus anfällig gewesen. Alles und jedes hat man schon als „vor Gott gerecht" gehalten. Aber es hat auch immer wieder Menschen gegeben, die sich gegen diesen Missbrauch aufgelehnt haben - unter Einsatz ihres Lebens. Jesus von Nazareth gehörte dazu. Ebenso Martin Luther und viele andere. Zur Zeit sehnen wir uns nach mutigen Menschen, die aufstehen gegen den Missbrauch des Islam. Aus Großbritannien, Ägypten und Saudi Arabien sind bereits offizielle Rechtsgutachten der Oberimame gegen den IS Terror ergangen. "Die Verfolgung und Massaker an schiitischen Muslimen, Christen und Jesiden ist furchtbar und widerspricht islamischen Lehren und islamischer Toleranz." So heißt es in einer offiziellen Stellungnahme, einer sogenannten Fatwa.

Usama Hasan, der Verfasser dieser Fatwa, geht davon aus, dass diese Wirkung zeigen könnte - jedenfalls bei denen, die sich an den sunnitischen Autoritäten orientierten. Allerdings kämpften in Syrien und Irak auch Menschen, die ganz andere Ziele verfolgten. Für sie geht es in erster Linie um die Durchsetzung von Machtansprüchen. "Sie verbünden sich mit religiösen Kämpfern, ohne selbst wirklich gläubig zu sein. In diesem Moment verbindet sich Religion mit Politik und wird zu einem bloßen Machtkampf."

Religion als Machtmittel. Das hat es zu allen Zeiten gegeben. Auch die Deutschen haben sich in den Weltkriegen dieser Möglichkeit bedient. Denn die religiöse Verklärung politischer Interessen wirkt immer.

Wenn Religion so anfällig ist für Missbrauch, sollte man sie dann nicht lieber ganz verloren geben? So haben schon viele aufgeklärte Menschen gefragt und sich entsprechend entschieden.

Ich bin froh über alle, die Religion als einen Weg der Freiheit gezeigt haben. Die Religion der Freiheit ist kein Besitz, sondern muss zu allen Zeiten errungen und verteidigt werden. Sie ist nicht nur im Christentum zu finden. Aber Jesus Christus hat in besonderer Weise denen einen Spiegel vorgehalten, die im Namen der Religion ihre Positionen gefestigt und andere erniedrigt oder ausgeschlossen haben. Echtes Christentum und echter Islam sind da zu finden, wo dem Menschen gedient wird, wo Versöhnung und Frieden praktiziert werden.

Beten wir für die Muslime, die ihre Religion von Missbrauch befreien wollen. Beten wir für uns in unseren Gemeinden, dass wir auch uns immer wieder befreien von dem Bedürfnis, ein Gottesheld zu sein. Denn wir haben es von Paulus gehört: Keiner macht sich vor Gott zum Helden. Wer es versucht, gerät nur umso tiefer in Sünde. Vor Gott ist allein der recht oder am rechten Ort, der in Demut begreift, dass er durch Gott gerecht wird, obwohl er es nicht verdient hat. Recht vor Gott ist derjenige, der dies dankbar glaubt und auch anderen den Weg zu diesem gnädigen Gott ebnen will. Die rechte Religion ist zu erkennen an Menschen, die nicht herrschen wollen, sondern dienen. So wie auch Christus sich dem Dienst an den Menschen verschrieben hat mit seinem ganzen Leben.

Ihre Pastorin D. Frehrking