Briefe an die Zukunft

Am 09.12.2013 wurde die zweite, größere Bleihülse aus dem „Turmspitzenarchiv“ unserer Kirche aufgesägt und ausgepackt. Herr Hellberg, Pastor Bütter, Frau Golenia, Herr Grosskopf und Herr Mietz staunen über den überraschenden Inhalt.

Briefe an die Zukunft

In der großen Bleihülse, die in der Kugel auf der Kirchturmspitze unserer Kirche gefunden wurde, fanden sich Briefe, die ehemalige Pastoren als Nachricht aus ihrer Zeit an jene geschrieben haben, die in Zukunft anlässlich einer Renovierung einen Blick in das ganz besondere „Archiv“ des Turmknaufs werfen.

Der ältere Brief stammt von Pastor Wode, der 1883 bereits von eine Flasche mit Nachrichten aus noch älterer Zeit berichtete, die er schon vorgefunden habe. Allerdings seien diese Nachrichten zu Staub zerfallen, weshalb er jetzt auf festem Pergament (dünn geschliffene getrocknete Tierhaut) mit guter Tinte schreibe und seine Botschaft zusammen mit einem „Protokoll der ordentlichen Bezirkssynode der Inspektion Burgdorf von 1883“ in eine witterungsbeständige Bleihülse gebe, um sie so für die Nachwelt zu erhalten.

Auch Pastor Erchinger, der 1951 anlässlich der Renovierung des Turmdaches die Hülse öffnete, deponierte seine Nachricht mitsamt der von Pastor Wode wieder in solch einem Behälter im Archiv der Turmspitze. Er vertraute allerdings auf die Haltbarkeit von Papier, schrieb einen Brief von einer Din-A- 4-Seite mit der Schreibmaschine und legte die entsprechenden Zeitungsberichte über die Funde in der Kugel des Kirchturms von 1951 bei.

Der gegenwärtige Kirchenvorstand wird wieder einen Behälter im „Archiv“ der Turmspitze deponieren. Diesmal wird der Behälter aber aus V4A-Stahl  sein und hoffentlich auch die Zeit unbeschadet überdauern. Neben dem Inhalt der alten Hülse, der natürlich weiter für die Zukunft aufgehoben werden soll, wird der Kirchenvorstand Nachrichten aus unserer Gegenwart in Form von Gemeindebriefen, Münzen und auch einen Brief an die zukünftigen Christen in Sehnde dem „Archiv“ hinzufügen. Sicher haben wir auch überlegt, ob es nicht zeitgemäßer sei, dem Turmspitzenarchiv einen USB-Stick mit etlichen Dateien und Fotos hinzu zu fügen. Aber zu dieser Art der Technik, noch dazu mit kurzlebigen Geschäftsmodellen verbunden, mag es in 60 oder 100 Jahren keine entsprechenden Lesegeräte mehr geben. Außerdem weiß kein Mensch, ob Speichermedien die wetterbedingten Temperaturschwankungen, denen die Turmspitze ausgesetzt sein dürfte, so lange überstehen. Deshalb setzt unser Kirchenvorstand nicht auf Technik, sondern auf kulturelles Wissen und traut es den Menschen der Zukunft zu, selber zu lesen und in alten Gemeindebriefen zu blättern.

Wir hoffen, dass zukünftige Sehnder Christen diese „Briefe an die Zukunft“ mit dem gleichen großen Interesse und Erstaunen lesen, wie wir die alten Briefe gelesen haben.

 

Die Briefe: der Blick auf Gegenwart und Zukunft

Alle drei Briefe, die sich zukünftig im „Turmspitzenarchiv“ befinden werden, werfen in ihrer Zeit einen Blick auf Gegenwart und Zukunft. Sie dokumentieren, welche Sorgen Menschen in Sehnde bewegten.

Pastor Wode (1883) beschreibt recht ausführlich Einzelheiten von besonderen Festtagen und aus dem Alltag, berichtet vom Gemeindeleben, von der aktuellen Größe Sehndes, den Einrichtungen vor Ort und von den bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklungen, die etwa durch die Zuckerrübenfabrik Einzug hielten. „Der Weg zum ewigen Leben wird immer schwieriger gemacht und immer wenigere sind die ihn finden.“ resümiert Pastor Wode.

Der Brief von Pastor Erchinger (1951) beschreibt kurz und schnörkellos ein wenig Geschichte, die damals aktuelle Situation der Kirchengemeinde und die Renovierung der Turmspitze. In diesen Zahlen und knappen Sätzen spiegelt sich aber deutlich die große Aufgabe, nach dem Ende des Schreckens in einem noch nicht wieder aufgebaute Land Wohnung und Perspektiven für viele Menschen zu schaffen, die durch den Krieg entweder hier in den Bombennächten oder im Osten aufgrund der Vertreibungen ihre Heimat verloren haben.

Unser Kirchenvorstand zeigt in seinem Brief, dass uns sowohl die Situation vor Ort in Sehnde, wie auch die globale Situation Gedanken macht. Auch wir registrieren weiter steigende Anforderungen, denen viele Mitmenschen zunehmend nicht mehr gewachsen sind, Umbrüche in der Gesellschaft und eine Gefährdung des Friedens genauso wie des Lebens auf der Welt überhaupt aufgrund einer um sich greifenden Ökonomisierung des gesamten Lebens. Kurzfristige Zielsetzungen bieten keine Hilfe zur Bewältigung der wachsenden globalen Probleme. Gegenwärtig, so schließt unser Brief, wollen wir aber das Unsere dazu tun, dass es auch zukünftig ein christliches Leben in Sehnde geben wird.

Uwe Büttner, Pastor